Vom Zeitgefühl und schönen Kindheitserinnerungen

Wir leben viel zu viel in unseren Timern und Handykalendern, so meine These. Und von Jahr zu Jahr rennt die Zeit schneller. Gerade die Übergänge von Herbst und Winter sind rasend. Eben noch die Uhren auf Winterzeit gestellt (aha, der Sommer ist also endgültig vorbei!), schon wird fast die Weihnachtsdekoration heraus geholt. Nur allmählich merken wir in unserem Trott, dass es deutlich früher dunkel geworden ist und überall in den Geschäften stehen der Spekulatius und die Weihnachtskugeln bereit. Aber der Kalender sagt uns, dass es noch nicht so weit ist. Erst mal darf man nun die Heizung beruhigten Gewissens anschalten und schnell die Kürbisse dekorieren, denn am 31. Oktober ist Halloween. Und dann? Dann hat man eine, für mich sehr schwer definierbare Zeit. Und ich weiß nicht, ob ich die einzige bin, aber im November fühlt sich alles für mich schon so weihnachtlich an. Darf das? Nein, denn der Kalender sagt, dass es bis Totensonntag noch ein Weilchen hin ist. Denn erst danach, so der Tenor meiner Großmutter, darf man die Lichterketten herausholen. Wer sicher gehen will, wartet allerdings bis zum 1. Advent. Alles ist geplant und festgelegt, wie eine Anleitung zeigt uns unserer Timer oder Kalender, wann die Zeit dafür ist. Das Gefühl für die jeweilige Jahreszeit geht immer mehr im Alltagsstress verloren.

Als Kind ist das anders. Den straffen (Jahres-)Plan der Eltern bekommt man kaum mit. Jede Saison wird gelebt und in vollen Zügen wahrgenommen. Wann es Herbst wird? Natürlich wenn Mama die dickere Jacke herausholt und panisch nach warmem Schuhen für die kalte Jahreszeit Ausschau gehalten wird, während wir durch den Blätterregen tanzen und dabei unsere dünnen Handschuhe verlieren. Wenn die Äpfel endlich gepflückt werden, von denen man schon den ein oder anderen genascht hat (und enttäuschend feststellen musste, wie sauer sie noch schmecken). Wenn die Kerzen hervorgekramt werden, weil es abends schon vorm schlafen gehen dunkel ist und das Kaminfeuer zum ersten Mal seit langem wieder brennt.
Ab wann es weihnachtlich wird? Wenn der Adventskalender endlich wieder im Wohnzimmer steht, Bratapfel mit viel Zimt regelmäßig auf den Tisch kommt und ich mit dicken Socken ins Bett muss. Aber richtig weihnachtlich ist es, wenn Mama – während es draußen schneit – mit mir Spritzgebäck backt, den ganzen Tag lang (so zumindest in meinen Erinnerungen) und Papa um meine Hilfe bittet, Moos für die Krippe zu suchen. Dies … genau dies waren die besten und sichersten Beweise, dass es in großen Schritten auf Weihnachten zu geht!

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