Dieser Tag kann Spuren von Müssen enthalten.

„Hey, du musst endlich aufhören zu rauchen.“
Musst du nicht schon längst bei der Arbeit sein?“
„Er muss doch echt langsam einsehen, dass …“
„Ich muss noch schnell die Arbeit zu Ende schreiben.“

Wir verwenden viel und gern das Wörtchen „müssen“ in unserem Alltag. Ich denke –  nein ich bin mir sicher – dass jeder heute im Laufe des Tages einen ähnlichen Satz gedacht, gesagt oder sich (freiwillig oder unfreiwillig) angehört hat. Es suggeriert uns, dass etwas bedeutend, wichtig und richtig ist, als gäbe es praktisch gar keine andere Möglichkeit. Erscheint dieses Wörtchen, so hat es unsere Aufmerksamkeit, der Appell ist nicht zu überhören, ob aus eigener Motivation heraus oder durch andere. Auch wenn meine Grammatiktests in der Schule eher schlecht als recht waren, so weiß ich „müssen“ als modales Hilfsverb zu beschreiben, welches im Vergleich zu den anderen wie sollen, können und wollen einem gar keine andere Handlungsoption überlasst.

Es ist Donnerstag, ein wunderschöner, sommerlicher Tag, die Sonne scheint in mein Schlafzimmer. Ich würde gerne noch liegen bleiben, aber ich muss früh raus, ich muss einiges schaffen heute. Der Schreibtisch wartet auf mich und die Arbeit will geschrieben werden. Ich muss also bei herrlichem Wetter am Schreibtisch sitzen, während die Fotos meiner Freunde in der Sonne liegend und die Semesterferien genießend nur so über die sozialen Seiten einströmen. Was mach ich überhaupt auf Facebook? Um voran zu kommen, muss ich in die Bücher schauen. Ich könnte diese Aneinanderreihungen von Dingen, die ich muss unendlich lange fortsetzten.

„Dieses Produkt kann Spuren von Nüssen enthalten.“ lese ich immer öfters auf Produkten. Ja, ich gehöre auch zu den Menschen, die wegen einer Allergie darauf achten müssen. Schon eine geringe Menge kann zu einem Halskratzen bis hin zur Atemnot führen. Aber wie sieht das aus mit Müssen? Stell dir vor, jeden morgen kurz nach dem Aufwachen zeigt uns der Wecker, das Handy oder eine kleine schriftliche Nachricht  diese Warnung „Dieser Tag kann Spuren von Müssen enthalten.“ an. Was ist noch erträglich und ab wann wird es uns zu viel? Gibt es eine „allergische Reaktion“ auf zu viel Müssen und wenn ja, wie sieht sowas aus? Und gibt es Unterschiede zwischen dem Müssen, was wir uns selbst oder andere Menschen uns auferlegen, die uns nahe stehen oder uns fremd sind?

Sicher ist, dass Müssen Druck erzeugen und je nach Ausmaß und Person ganz eigene „allergische Auswirkungen“ mit sich bringen kann. Manchmal braucht es eine gehörige Portion Mut sich diesem Druck nicht zu beugen, sondern dagegen aufzulehen. Was muss wirklich sein? Welches Muss ist eventuell ein „soll“, „kann“ oder „wollen“? Ich glaube, das kann/soll/muss jeder für sich selbst beantworten.

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