Von der Kunst, den Moment genießen zu können

Jeden Herbst und Frühjahr gerät meine Mutter in Ekstase. Ich erinnere mich gut an eine Situation aus meiner Kindheit: Wir sitzen am Tisch und Essen zu Mittag. Plötzlich steht sie auf, ruft: „Sie sind wieder da!“ und läuft zur Tür raus. Was sie entdeckt hat sind die Kraniche, die laut rufend über sie hinweg fliegen. „Tessa, komm mal schnell! Sie sind wieder da! Schau‘ dir das an, dass ist der Wahnsinn!“ Nicht so sehr davon überzeugt, mein Essen einfach stehen zu lassen, schlurfe ich langsam zu ihr auf die Einfahrt. „Toll … Vögel.“, antworte ich und verschwinde zurück ins Esszimmer.

Im Nachhinein muss ich bei dem Gedanken daran schmunzeln. Nicht nur, weil ich nun jedes Jahr selbst meinen Freund verrückt mache, wenn ich glaube, die lauten Flugrufe der Kraniche zu hören oder sie am fernen Himmel erkennen zu können und er nur fragend in die Höhe blickt. Nein, ich habe in Gedanken meinte Mutter vor mir, wie sie gespannt in den Himmel schaut, dabei lächelt und ich förmlich ihr Herz vor Freude hüpfen sehe. Das ist einer dieser vielen Momente. Das ist ihr Moment … und in zwischen ist das auch einer der Meinen.

Einige Jahre später, im Teeniealter: Wir, meine Eltern und ich, gingen oft in den Ferien in Italien wandern, was ich schon mal schrecklich fand in dem Alter, ist klar! Als wir oben am Berg ankamen, legte mein Vater bei dem Ausblick über die Berge den Arm um mich und meine Mutter und sagte sowas wie: „Ist das nicht schön? Das ist ja wohl klasse hier!“. Meine Mutter bestätigte dies dann und ich … tja ich war teeniemäßig genervt über den väterlichen Arm um meine Schulter. Was wenn das jemand sieht?!

Heute bin ich dankbar. Ich habe lernen können, schöne Moment nicht nur wahrlich zu erkennen, sondern diese zu leben und wert zu schätzen, sie zu genießen. Es sind diese kleinen Momente, in denen dein Herz vor Freude hüpft, in denen du aus ganzem Herzen lächelst und glücklich bist. In denen du dich so frei und leicht fühlst, dass du das Gefühl hast zu fliegen. Momente, in denen die Welt für einen kurzen Augenblick still steht und du das Gefühl hast, dieser Moment ist nur für mich. Und das Wunderbare? Für diese Momente brauchst du nicht viel. Es können die Zugvögel am Himmel sein, die romantische Stimmung am Lagerfeuer, der traumhafte Sonnenuntergang, eine tolle Aussicht, ein leckeres Glas Wein (oder Zwei) unter lieben Freunden, ein herzliches Lächeln, ein zärtlicher Kuss … Ich glaube, es ist nicht selbstverständlich, dass wir diese Momente so intensiv erleben. Es ist eine Kunst, etwas, was wir lernen müssen zu genießen, dankbar zu sein. … Und es lohnt sich!

P.s.: Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind. Wir sehen sie, wie wir sind.

One comment

  1. Hab es mit Schmunzeln und tiefer Freude und Dankbarkeit gelesen 🙂

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